Beitrag in der Zeitschrift «frei denken.»
Ich bin ja bei der Freidenker-Vereinigung der Schweiz (FVS) aktiv. Regelmässig erscheint die Zeitschrift «frei denken. Das Magazin für eine säkulare und humanistische Schweiz». Auf der Webseite der FVS finden sich vergangene Ausgaben des Magazins frei zugänglich im Archiv. Einige Monate, nachdem sie bei unseren Abonnentinnen und Abonnenten angekommen sind, werden sie dort zugänglich gemacht. Einige der Texte verdienen es vielleicht, herausgehoben zu werden und einer Zweitverwertung zugeführt zu werden. Vielleicht verdienen sie mehr Aufmerksamkeit, sollten nicht bloss irgendwo im Altpapier liegen.

Der Papst als Atheist: Eine Auslegung der Begriffe und eine Auslegeordnung der Begriffe
Seit einigen Ausgaben führen wir die Rubrik «Berühmte Atheist_innen». In der Ausgabe 1 des Jahres 2025 habe ich für diese Rubrik einen Text verfasst. (In anderen Ausgaben habe ich die Rubrik ebenfalls betextet.) Dieser Text fällt gegenüber anderen Texten der Rubrik etwas aus der Reihe, weil Päpste gemeinhin nicht als prototypische Atheisten gelten mögen.
Die komplette Ausgabe 1 2025 findet sich hier: PDF. [28 Seiten, 2.6 MB]
Mein Text findet sich auf der Seite 26.
Hier findet sich die einzelne Seite ebenfalls:
Ich selbst – aber ich bin da selbstverfreilich befangen – finde gewisse Begriffs(er)klärungen wichtig. Nämlich beispielsweise, dass ein Atheist nicht vorgibt, bewiesen zu haben, dass es Göttin, Götter, Gott nicht gebe, sondern dass er halt einfach NICHT GLAUBT.
Ich habe das auch anders(wo) schon mal dargestellt und formuliert:

Frage: «Atheisten glauben, dass es keinen Gott gibt, oder?»
Valentin Abgottspon, Freidenker, (Poly-)Atheist, Humanist, Autor, Lehrer
Antwort: «Nein. Atheisten glauben nicht, dass s einen Gott gibt. Atheismus ist ein Nicht-Glaube. Kein Glaube. Und schon gar keine Religion.»
Aus der Serie Frequently Given Answers bei Facebook. Direktlink hier.
Kritik, Änderungsvorschläge, Gegenvorschläge und Anregungen nehme ich gerne entgegen!
Der Text selbst
Berühmte Atheist_innen
Papst Franziskus
Der aktuelle römisch-katholische Papst ist überwiegend Atheist. An die meisten Götter glaubt er nicht.
Ein Atheist ist eine Person, die nicht glaubt an: Götter, Göttin, Gott. Streng genommen glaubt eine Atheistin oder ein Atheist also an genau null solche übersinnlichen Wesen. In diesem Sinne ist der römisch-katholische Papst Franziskus freilich kein Atheist. In einem erweiterten Sinne ist er aber doch ein Ungläubiger. Er hält beispielsweise eine Vielzahl von Gottheiten für nicht glaubwürdig oder glaubhaft. Er glaubt nicht, dass sie existieren oder dass sie extrem mächtig und einflussreich sind. Er glaubt auch nicht, dass sie im Kosmos eine herausragende Stellung einnehmen oder gar Schöpfer und Schöpferinnen des Kosmos sind.
Hier eine Liste von Gottheiten, denen gegenüber sich der Papst, bürgerlich Jorge Mario Bergoglio, atheistisch verhält: Manitu, Vishnu, Quetzalcoatl, Wotan, Zeus, Darkseid, Khonshu, Turok, Ahura Mazda, Bondye, Izanami, Kukulkan, Bomazi und Ullah. Diese Liste liesse sich beinahe beliebig verlängern. Was ist zudem mit dem Jehova der «Zeugen Jehovas»? Was ist mit Allah? Was ist mit dem römisch-katholischen Gott, an den beispielsweise im sechsten oder im vierzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gedacht oder geglaubt wurde?
Überwiegend atheistisch
Gegenüber extrem vielen Gottesbildern und Gottesideen verhalten sich monotheistisch gläubige Menschen de facto und lebenspraktisch wie Atheisten. Sie glauben nicht daran. Viele von uns wissen ja, dass sich religiöse Menschen oft Falsches unter Atheismus vorstellen. Es werden so simple Äusserungen getätigt wie: «Aber es kann gar niemand Atheist sein! Man kann ja nicht beweisen, dass es keinen Gott gibt!»
Das ist Unfug. Wenn es bei der Frage, ob jemand ein «Theist» oder ein «Atheist» ist, um «Wissen» und «Beweise» ginge, dann könnte es ja nicht nur keinen einzigen Atheisten geben, sondern auch keinen einzigen Theisten! Dann dürfte man formulieren: «Es kann gar niemand Theistin sein. Man kann die Existenz eines Gottes ja nicht im strengen Sinne beweisen, man kann ja nur daran glauben!» Atheist zu sein bedeutet also mitnichten, bewiesen zu haben, dass es keinen Gott gibt oder geben kann. Eine Atheistin glaubt einfach nicht an einen Gott, eine Göttin oder Götter. Der Atheismus beziehungsweise das Atheistsein ist kein aktiver oder gar angestrengter Glaube, dass da kein Gott sei. Der Atheist wacht nicht morgens auf und beginnt damit, konsequent und andauernd daran zu glauben, dass es keinen Gott gibt. Es ist etwas ungünstig und ungeschickt, wenn man formuliert (1): «Der Atheist glaubt daran, dass kein Gott existiert». Treffender und besser formuliert heisst es (2): «Der Atheist glaubt nicht, dass ein Gott existiert.» Der Satz (2) bringt viel besser zum Ausdruck, dass es sich um die – mehrheitlich gelassene, entspannte und unaufgeregte – Abwesenheit eines Glaubens handelt. Man sieht einfach keine guten Gründe, von der Nullhypothese abzuweichen. Dahingegen riecht der Satz (1) ein bisschen danach, dass sich Atheisten in eine defensive Rechtfertigungshaltung begeben würden, als hätten wir etwas zu beweisen.
Wenn wir der Einfachheit halber einmal annehmen, dass man an 5000 Gottheiten glauben beziehungsweise nicht glauben kann, dann wäre der Papst bei 4999 zu 1 also quasi ein 99,98-prozentiger Atheist.
Klar, im strengen und korrekten Sinne ist der Papst nicht «einer von uns». Kein «richtiger Atheist». Ich will ihn ja auch nicht wirklich zu uns zählen. Er glaubt aber halt an ganz viele Götter nicht. Somit ist der Argentinier zumindest ein Polyatheist. Und mit seinem Glauben an bloss einen einzigen Gott ist er schon sehr nahe dran an der tatsächlichen, korrekten Zahl existierender Gottheiten.
Valentin Abgottspon
Beim Verfassen dieses Textes und bis Redaktionsschluss war noch nicht klar, wie die Krankheit des Papstes verlaufen würde.