Zwar am 1. April – und ausgerechnet mit einem Schreibfehler beim Gemeindenamen – vermeldet der Walliser Bote, dass die Gemeinde Grolley im Kanton Freiburg sich entschieden habe, das Kreuz wieder in die Schule zurückzuholen. Es handelt sich jedoch nicht um einen Aprilscherz!
Damit sie [die Kreuze] jedoch nicht einfach als Symbol ohne Bedeutung an den Wänden hängen, sind die Lehrer angehalten, zum Schuljahresbeginn das Kreuz zu thematisieren und die Bedeutung des Kreuzes als christliches Symbol in Erinnerung zu rufen.
(Walliser Bote, 1.4.2011, Seite 13)
Die Agenturmeldung bei kipa fasst den Artikel aus La Liberté wohl recht ausführlich zusammen. (Ich habe auf der Webseite der Freiburger Freiheit den entsprechenden Artikel auf die Schnelle jetzt nicht auffinden können.)
Kommentar: Es ist anzunehmen, dass der Gemeinderatsentscheid vom 28. März 2011 im Windschatten des Entscheides des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte im Fall Lautsi v. Italien gefällt wurde. In diesem Urteil wurde jedoch genau darauf zurückgegriffen, dass ein Symbol alleine die Religionsfreiheit z.B. von Kindern religionsloser Eltern oder von areligiösen, religionsmündigen Schülerinnen und Schülern nicht in einem solchen Mass beeinflusse, dass der EGMR hier Italien Vorschriften machen müsste. Es wurde darauf hingewiesen, dass ein Symbol alleine eben nicht eine «Indoktrination» darstelle. Wenn man sich jedoch im hier vorliegenden Fall die Vorgaben an die Lehrpersonen ansieht, ist die staatliche Neutralität in religiösen Belangen keineswegs gegeben. Hier wird einseitig Partei ergriffen und eine ziemlich verklärende Darstellung verlangt. Es wird nicht auf kritisch zu sehende Aspekte der (christlichen) Religion, Religiosität, Religionsgemeinschaften hingewiesen. Jedenfalls wird das nicht explizit verlangt. Ich sehe – sofern die Schilderungen bei kipa und Liberté korrekt sind – die Grundrechte verletzt.
Die Befürworter von religiösen Symbolen wie Kreuz oder Kruzifix in den Schulräumen öffentlicher, staatlicher Bildungseinrichtungen sollten sich endlich einmal einigen: Ist es jetzt als religiöses Symbol zu betrachten, oder nicht?
Ich persönlich nenne die betreffenden Leute übrigens lieber (mich dünkt das exakter): Gegner der staatlichen Neutralitätspflicht in religiösen Dingen. Mich persönlich überzeugt die Argumentation der 15 Richter des EGMR nämlich nicht wirklich. Ich hätte mir gewünscht, dass nicht nur 2 Richter die konsequente Rechtsprechung der letzten zwei Jahrzenhte der höchsten Gerichte in diesen Angelegenheiten weitergezogen/gestützt hätten.
Es ist halt immer wieder das alte Problem: Wenn man auf dem Geld «In God we trust» gedruckt hat, es im pledge «one nation under god» heisst, in der Präambel «Im Namen Gottes, des Allmächtigen» steht, in Gerichtssälen und auf Kanzleien, sowie in Schulzimmern Kreuze und Kruzifixe hängen, dann ist das vielleicht im Einzelfall für Laizitäre, für Freidenker, für religiöse Minderheiten nicht unmittelbar eine massivste Einschränkung ihrer Grundrechte. Die angesprochenen Zustände führen aber dazu, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung immer wieder argumentiert: «Aber wir sind doch ein christliches Land, wir sind doch ein katholischer Kanton, unsere öffentlichen Schulen müssen doch katholisch sein…» und ähnliches.
Halt nach der Maxime: Immer grad so, wie’s einem beliebt! Wenn das Kruzifix in Gefahr ist, soll’s ein allgemeines Symbol für Demokratie, Menschenrechte, Toleranz etcpp. sein. Wenn man dann aber Laizität einfordert, wird dessen Präsenz als Beleg dafür herangezogen, dass der Staat eben doch ‚irgendwie‘ christlich sei und sich die ‚Anderen‘ daran zu halten/orientieren hätten.
Nebenbei: Mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ganz vernünftig scheinende Leute christliche Symbole mit Demokratie, Menschenrechten, Gelichberechtigung, Offenheit, Toleranz, Prosperität etc. in Eins setzen wollen. Insbesondere wenn das mit dem Symbol der katholischen Kirche, dem Kruzifix geschieht, weiss ich oftmals nicht, ob ich laut lachen soll, oder mir an die Stirn fassen soll. Oftmals geschieht dann beides simultan oder doch in geringem zeitlichem Abstand. Und da ich so gut im Multitasken bin kann mein Körper während (!) dieser physiologischen Abläufe sogar noch an der Entwicklung eines Magengeschwüres weiterarbeiten…
Spassig ist für mich übrigens auch die Formulierung, dass Grolley eine Ortschaft mit 1700 Seelen sei. Da leben also nicht etwa Staatsbürger oder Menschen, nein, die Ortschaft beherrbergt Seelen… :)
Haben die das etwa per Volkszählung festgestellt? Konnten die Freidenker beim Fragebogen dann unter der Rubrik «Seele/âme» ein Kästchen mit NEIN ankreuzen?
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