Wallfahrt à la Abgottspon: Chaschtolegga, Stalden

Zuweilen gehe ich gerne joggen, denn mein Körpergewicht nähert sich gefährlich dreistelligen Werten. (Unglück, Niedergeschlagenheit, Frustration ob erfolgloser Arbeitssuche, psychischer Druck, Frustfressen…) Und da ich über keinerlei Seele verfüge und fürs Fussballspielen dann doch einigermassen fit sein möchte, trage ich halt ab und an Sorge für meinen Körper. Eine angenehme Joggingstrecke ist jene von Zur Kirche (Dorfteil, in welchem ich wohne) Richtung Chaschtolegga.

Die Chaschtolegga/Chastolegga liegt auf dem Boden der Gemeinde Stalden. Man erzählt sich in Staldenried übrigens immer noch die Geschichte, dass den Staldenriednern der ganze Thelwald von den Staldnern geklaut wurde. Von besoffen gemachten Gemeinderäten wird da geraunt, von schlauen, gerissenen Staldnern, welche die Rieder übers Ohr gehauen hätten, von etwas dümmlichen Rieder Gemeinderäten, welche im Rausch Verträge unterzeichnen. Aber das ist (vielleicht, wenn überhaupt) Geschichte.

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In der sich auf der Chaschtolegga befindenden Kapelle befindet sich ein Gästebuch, in dem Notizen und Gedanken hinterlassen kann.

Das Gästebuch:
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GEGRÜSST SEIST DU MARIA,
VOLL DER GNADEN, DER HERR
IST MIT DIR,
DU BIST GEBENEDEIT
UNTER DEN FRAUEN UND GEBENE-
DEIT IST DIE FRUCHT DEINES
LEIBES JESUS.
HEILIGE MARIA, MUTTER GOTTES,
BITT FÜR UNS SÜNDER, JETZT
UND IN DER STUNDE UNSERES
TODES.

– AMEN –

Folgende Anweisungen zur Handhabung werden erteilt:

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Bitte benützen Sie
dieses geschenkte Buch
möglichst sorgfältig.

Kinderzeichnungen und
diverse Wettermeldungen
sind zu unterlassen.

Besten Dank.

Eigentlich verspürt man dann als im Herzen jung Gebliebener umgehend einen rebellischen Reflex: Nämlich eine Seite ein wenig zu zerknüllen, eine Kinderzeichnung (z.B. eine Sonne und einen Baum nebst einem glücklichen Reh, ganz in Kindermanier) hineinzukritzeln und das aktuelle Wetter detailliert zu verzeichnen.

Schon der Meister Arno Schmidt hat seinen Roman «Aus dem Leben eines Fauns» folgendermassen beginnen lassen:

Auf die Sterne soll man nicht mit Fingern zeigen; in den Schnee nicht schreiben; beim Donner die Erde berühren : also spitzte ich eine Hand nach oben, splitterte mit umsponnenem Finger das ‹K› in den Silberschorf neben mir, (Gewitter fand grade keins statt, sonst hätt ich schon was gefunden !)

(BA I/1, S. 301) Und es soll wieder aufgefordert sein: LEST SCHMIDT! LEST! Es hilft! Es macht gescheit und beglückt!

Aber man hat dann doch unterlassen, wozu man nicht übel Lust gehabt hätte. Wenn einem nämlich in einer Sendung des nationalen Fernsehens vor einer halben Million Zuschauern von einer österreichischen Boulevard-Reporterin Renitenz vorgeworfen wird, dann wird man es doch wohl schaffen, und derart renitent sein, dem Vorwurf der Renitenz aus TROTZ nicht zu entsprechen (und somit renitent² sein, hyperrenitent sozusagen).

Eine interessante Eintragung trägt das Datum 23. Oktober 2010: (das war etwa zwei Wochen nach meiner fristlosen Entlassung)

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23.10.2010. 9.00 Uhr

Heute komme ich hierher um meine Gedanken der letzten 14 Tage niederzuschreiben –
Es ist sicher nicht leicht für alle täglich sein Kreuz auf sich zu nehmen. Wollen wir aber nicht über jene die, dass Kreuz nicht in den Räumen haben wollen urteilen!?
Ich denke mir, dass wir Toleranter sein sollten, wissen wir doch nicht den genauen Vorfall. Ich möchte nur einige Fragen aufwerfen. Warum wurden die Arbeitskollegen, die Eltern, die Schüler (um die es schlussendlich geht) nie gefragt?? Ist man in der heutigen Zeit ein schlechter Christ, wenn man nicht der Meinung der Mehrheit entspricht??
Hoffe, dass sich alles wieder in die normalität bewegen werde. Ich denke, dass es mehrere Personen gibt die meine Meinung teilen
X. XXXXXXXXXXXX

Die Namen in den Fotos habe ich unkenntlich gemacht.

Es ist für mich im Nachhinein einigermassen einleuchtend, wieso Arbeitskollegen, Eltern und Schüler nicht befragt wurden. Dann hätte man ja vielleicht zu einer vernünftigen Lösung gefunden. Schliesslich endete die Sache halt im Zeugnis der Überforderung der regionalen Behörde und zeitigte eine beispiellose Verletzung von Grundrechten, mündete in eine missbräuchliche fristlose Kündigung…

Am 31. Oktober 2010 dann ein Eintrag, welcher weniger versöhnlich und tolerant tönt. Das ist natürlich verständlich, handelt es sich beim Verfasser doch um einen unverbesserlichen Papisten und treuen Katholiken. Ich habe von ihm schon ausserordentlich niveaulose Beleidigungen zugestellt erhalten, hier ist er noch ziemlich brav und zivilisiert.

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31.X.2010

DIE GEHEILIGTEN KREUZE AUS ÖFFENTLICHEN RÄUMEN, WIE AUCH DIESE SCHÖNE KAPPELLE EINER IST, WEGZUNEHMEN IST EIN GROBES SAKRILEG! MÖGE DER GUTE HERRGOTT SELBER MIT UNVERNÜNGTIGEN FREIDENKERN GERICHT FÜHREN.
SCHADE, DASS DIE WELT IMMER WIEDER NEUE JUDASSE BRAUCHT, DIE NICHT FÄHIG SIND DAS EVANGELIUM ZU VERSTEHEN! DAS GROSSE HERZ MARIAS MÖGE DIE LIEBE JENER MENSCHEN WEITEN, DIE BEINAHE NUR TOTALE KÄLTE AUSSTRAHLEN. ttt GXXXXXXX BXXXXXXXXXXX

Ich könnte hierhin jetzt einige seiner Mitteilungen stellen, und dann würde hinreichend klar werden, wer von uns beiden KALT (und unanständig) ist. Förderlicher scheint es mir, die Missverständnisse anszusprechen.

Erstens: ‹Sakrileg› ist keine juristische Kategorie mehr, wir leben nicht mehr im Mittelalter. Auch die Walliser Justitz wird so argumentieren, wie sich das für einen einigermassen säkularen Staat gehört. Des Weiteren: Mag sein ‹guter› [!?] Herrgott tausendmal Gericht führen über mich. Das ist für mich unerheblich.
Zweitens: Es ist ein lustig Ding: Wer nicht nur die schöngefärbte, von selektiver Wahrnehmung geprägte Sicht auf die Evangelien kennt und referiert wird immer wieder bezichtigt, das Evangelium nicht zu verstehen… Da haben diese Wischiwaschi-Hermeneutler natürlich einen jahrzehnte-, jahrhundertelangen Vorsprung im Zurechtbiegen und Anpassen an den Zeitgeist, wenn es denn nicht mehr anders geht.
Drittens: Es gilt zu unterscheiden: In öffentlichen Räumen wie Schulzimmern, Schulgebäuden staatlicher Schulen, in Parlamentsgebäuden, bei Gemeindebehörden, in Gerichtssälen haben Kreuze, Kruzifixe, ja religiöse Symbole jeglicher Art keine Daseinsberechtigung. Anders sieht es aus in Kirchen und anderen Orten und Gebäuden der Religionen. Genau wie in privaten Räumlichkeiten hat der Staat nicht vorzuschreiben, wie viele Kruzifixe jemand in einer Kirche oder bei sich zu Hause aufhängt.

Drittens, bis: Man kann weiter unterscheiden: Besonders dringlich ist die Entfernung von religiösen Symbolen aus Räumen, welche von jungen Menschen (grösstenteils unmündigen Schülerinnen und Schülern) besucht werden müssen (Schulpflicht). Hier ist eine besondere Beeinflussung gegeben. Hier gilt die Neutralitätspflicht des Staates in besonderem Masse. Ob man da nun von «Entfernung religiöser Symbole» oder von «Herstellung von Neutralität» spricht, ist fast unerheblich. Es ist höchstens ein rhetorischer, taktischer Unterschied.
Die Neutralitätspflicht besteht aber auch bei z.B. Gerichtsgebäuden. Hier ist die Beeinflussung junger Menschen jedoch nicht der Grund, sondern es ist die allgemeine Neutralitätspflicht des Staates. Wenn man den Religiösen hier nachgibt und sagt: Jaja, behaltet die Präambel so, druckt auf eure/unsere Währung «In God we trust», belasst einseitig und diskriminierend die Symbole einer einzigen Ausprägung von Religion in öffentlichen Gebäuden, welche alle anderen durch ihre herausgehobene Stellung ausschliesst… Und mit den Ausgeschlossenen meine ich nicht etwa Überzeugungen und Weltanschauungen (also Ideen), sondern ich meine, dass die Leute, die MENSCHEN ausgeschlossen werden, welche andere Überzeugungen haben, andere Weltanaschauungen pflegen.
WENN man solcherlei staatliches Verhalten (Tradition?) also einfach immer wieder unwidersprochen durchgehen lässt, entwickelt sich beim Staatsbürger die Überzeugung, man lebe tatsächlich in einem christlichen Land, man habe katholische staatliche Schulen, in der Präambel sei ein christlicher Gott gemeint und dergleichen. Dass sich dann bei einer Behörde keinerlei Wissen um Laizität entwickelt, ja dass z.B. auch kantonale Stellen jämmerliche Beispiele abgeben, was religiöse Neutralität des Staates angeht, ist dann wohl eine unvermeidliche Folge. Diese verfassungsferne Handlungs- und Redeweise zeigt sich dann sogar beim Inhaber des höchsten Exekutivamt des Kantons.

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Über Valentin Abgottspon

Philosoph, Germanist, Lehrer. Wurde am 8. Oktober 2010, nachdem er sich für säkulare staatliche Schulen auch im katholisch geprägten Wallis einsetzte, und sich z.B. weigerte, ein Kruzifix in seinem Schulzimmer zu akzeptieren, fristlos entlassen.
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