Am 5. März 2011 erschien auf der Seite 4 des Walliser Boten (Text weiter unten) in der Rubrik «Wort und Antwort» ein Text des Generalvikars und Domherren Richard Lehner. In der WB-Rubrik «Wort und Antwort» erhalten jeweils Geistliche, Priester, Ordensleute etc. die Gelegenheit, ihre Ansichten darzustellen.
Schon der implizite Schritt, dass, wer nicht etwas oder jemand Anderes, Grösseres als Mitte seines Lebens anerkenne, sich deshalb sebst zur Mitte erkläre, ist logisch nicht einwandfrei. Vielleicht ist er auch rhetorisch unlauter und aus taktischen Erwägungen hingeschrieben worden. Wer das Bild und die Idee eines (personalen) Gottes ablehnt, und sein Leben nicht nach derlei unbeweisbaren Annahmen auszurichten gewillt ist, erklärt sich dadurch nicht zwangsläufig sebst zur (einzigen, absoluten) Mitte (seines eigenen Lebens). Es existieren viele Lebensentwürfe, welche auf Übernatürliches verzichten und trotzdem nicht etwa in Egoismus münden. Dem Schritt, dass wer Gott ablehnt, sich selbst zur Mitte erklären muss, ist also nicht zwangsläufig zu folgen. Folgen wir aber auf dem argumentativen Weg trotzdem etwas weiter.
Und weiter geht es tatsächlich mit Siebenmeilenstiefeln: Wer sich selbst zur Mitte erkläre, sei auf Besitz und Macht ausgerichtet, ja mache sich selbst gar zur Göttin oder zum Gott seiner oder ihrer eigenen Welt. Vielleicht ist es für Lehner schwerlich vorstellbar, dass es Menschen gibt, die ohne diese Begriffe auskommen. Wer die Idee eines personalen Gottes ablehnt, muss nicht zwangsläufig sich selber an jene Stelle setzen, welche dieser personale Gott bei gläubigen, religiösen Menschen einnimmt. Man kann auf diese Annahmen und Gottesbilder verzichten, es entsteht dadurch keine Lücke. Und es muss auch nicht eine Ausrichtung auf Besitz und Macht erfolgen. Das eigene Glück, das Glück der Mitmenschen, Familie, der Mitwelt, das Abwenden und Reduzieren von Leid der Anderen, das Streben nach Wissen und Verbesserung der Welt und der darin herrschenden Zustände… solche Ziele vermögen einem Leben einen Sinn zu verleihen, ganz unabhängig von übernatürlichen Göttern. Säkulare Menschen tun Gutes übrigens um des Guten willen. Und nicht etwa, weil sie auf eine Belohnung in einem anderen Leben hoffen; nicht, weil ein (und hier ist es einerlei ob übernatürlicher oder inkarnierter) Gott dieses Verhalten will.
Die Gegenüberstellung der angeblich möglichen zwei Alternativen:
I) ein bescheidenes, demütiges Leben im Bewusstsein und Schutz einer höheren Macht
versus
II) ein Leben, in dem sich der Mensch selber zum Gott erhebt (Hybris, homo mensura…)
ist schlicht eine falsche Dichotomie. Es bestehen nicht einfach nur diese zwei Möglichkeiten, es existieren auch noch andere (Zwischen-?)Stufen.
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Am 5. März 2011 erschien auf der Seite 4 des Walliser Boten (Text weiter unten) in der Rubrik «Wort und Antwort» ein Text des Generalvikars und Domherren Richard Lehner. In...